Im Gespräch: Mein künstlerischer Weg
Vom genauen Hinsehen zur freien Malerei
Am Anfang stand das Zeichnen. Beim Aktzeichnen und in der Beschäftigung mit Stillleben faszinierte mich das genaue Hinsehen: die Linien eines Körpers zu erfassen, Formen zu erkunden und zu beobachten, wie Licht auf eine Oberfläche fällt. Im Zeichnen konnte ich mich vollkommen versenken. Es hatte etwas Meditatives, die sichtbare Welt Stück für Stück auf dem Papier oder der Leinwand entstehen zu lassen.
Der entscheidende Impuls, Kunst zu studieren, kam allerdings auf einem ungewöhnlichen Weg. Damals lebte ich in einer Wohnung ohne Dusche und ging deshalb regelmäßig zur nahe gelegenen Kunsthochschule. Auf meinem Weg kam ich an den Ateliers vorbei. Durch die geöffneten Türen sah ich Leinwände, Farben und Menschen bei der Arbeit. Auch der unverwechselbare Geruch der Ölfarbe lag in der Luft. Gesund war er vermutlich nicht – aber er zog mich magisch an.
Irgendwann wusste ich: Das möchte ich auch. Ich möchte malen, zeichnen und an diesem Ort meine künstlerische Ausbildung machen.
Ich bewarb mich, begann mein Studium und schloss es später mit Diplom und Meisterschülerabschluss ab. Zunächst arbeitete ich weiterhin gegenständlich. Ich zeichnete und malte Stillleben, Körper und andere Motive aus der sichtbaren Welt. Doch mit der Zeit wurde mir der vorgegebene Gegenstand zu eng.
Denn wenn ich ein Objekt abbilde, ist bereits vieles festgelegt: seine Form, seine Proportionen, seine räumliche Position. Das Motiv gibt mir einen Referenzpunkt, an dem ich mich orientieren kann. In der abstrakten Malerei fehlt dieser äußere Maßstab und genau darin liegen für mich sowohl die Freiheit als auch die Herausforderung.
Heute beginne ich meine Bilder meist intuitiv. Farbe fließt, Flächen begegnen sich, Formen tauchen auf und verschwinden wieder. Erst im weiteren Prozess treffe ich bewusste Entscheidungen. Ich verdichte, übermale, lasse stehen oder öffne neue Räume. Auf diese Weise gewinnt das zunächst Offene allmählich Richtung und Ordnung.
Meine Malerei entsteht damit in einem Spannungsfeld, das mich auch über die Kunst hinaus beschäftigt: zwischen Freiheit und Festlegung, zwischen Offenheit und Entscheidung. Vollkommene Freiheit allein führt nicht unbedingt weiter. Erst durch eine Entscheidung entsteht eine Richtung. Doch jede Festlegung bedeutet zugleich, andere Möglichkeiten loszulassen.
Die abstrakte Malerei erlaubt mir, diese Spannung immer wieder neu zu durchleben. Sie gibt mir den Raum, Eindrücke aufzunehmen, ohne sie unmittelbar abbilden zu müssen. Begegnungen mit Menschen und Tieren, Erinnerungen, Geräusche, Naturerlebnisse oder Bewegungen aus dem Tanz können in meine Arbeit einfließen. Sie werden nicht gegenständlich dargestellt, sondern verwandeln sich in Farbe, Rhythmus, Schichtung und Bewegung.
Dabei weiß ich nie von Anfang an, wie ein Bild aussehen wird. Anders als beim Abzeichnen gibt es kein fertiges Motiv, mit dem ich das Ergebnis vergleichen kann. Den Maßstab muss ich während des Malens selbst entwickeln. Irgendwann muss ich entscheiden: Diese Form bleibt. Diese Fläche braucht Ruhe. Hier setze ich einen Kontrast. Dort nehme ich etwas zurück.
Festlegung wird in meiner Arbeit deshalb nicht zu einer Begrenzung, sondern zu einem schöpferischen Akt. Durch jede Entscheidung wird etwas klarer. Gleichzeitig muss ich darauf vertrauen, dass sich aus dem Gewählten ein nächster Schritt ergeben wird.
Vielleicht ist genau das die Verbindung zwischen meiner Malerei und dem Leben: Wir können nicht immer wissen, wohin eine Entscheidung führt. Doch wir dürfen uns festlegen, losgehen und darauf vertrauen, dass der weitere Weg im Tun sichtbar wird.
Mit meiner Kunst möchte ich etwas Schönes in die Welt bringen. Meine Bilder sollen den Menschen, die mit ihnen leben, Freude schenken, Energie geben und vielleicht ein Lächeln hervorrufen. Gleichzeitig dürfen sie Ruhe ausstrahlen und daran erinnern, dass nicht jeder Schritt im Voraus feststehen muss.
Manchmal genügt es, eine Entscheidung zu treffen, ohne bereits zu wissen, was danach kommt. Der nächste Schritt zeigt sich, wenn wir bereit sind, ihn zu gehen.