Ein Blick hinter die Kulissen: Die Entstehung eines Kunstwerks

Meine abstrakten Arbeiten beginnen selten mit einem fertigen Plan. Am Anfang steht vielmehr ein offener Raum: Farbe, Bewegung, Wahrnehmung und die Möglichkeit, dass etwas Unerwartetes entstehen darf.

Genau darin liegt das zentrale Spannungsfeld meiner Arbeit: Wie lange bleibt alles offen – und wann braucht es eine Entscheidung?

Zu frühe Festlegung kann ein Bild starr und leblos machen. Zu viel Offenheit lässt es dagegen beliebig und richtungslos werden. Im Malprozess suche ich deshalb immer wieder nach dem Moment, an dem aus vielen Möglichkeiten eine Form gewählt werden muss.

Festlegung bedeutet für mich dabei nicht Kontrolle. Sie ist eine bewusste Entscheidung für das, was bleiben, sichtbar werden und Bedeutung erhalten soll.

So entsteht Klarheit nicht vor dem ersten Pinselstrich. Sie entwickelt sich im Prozess – durch Wahrnehmen, Verwerfen, Begrenzen und Entscheiden.

Der kreative Prozess: zwischen Offenheit und Festlegung

Viele meiner Bilder entstehen zunächst liegend auf dem Boden. Ich gieße stark verdünnte Farbe auf die Leinwand und lasse farbige Seen, Spuren und Übergänge entstehen. Die Farbe fließt, sammelt sich, begegnet anderen Farbtönen und findet Wege, die ich nicht vollständig vorhersehen kann.

In dieser ersten Phase halte ich mich mit Entscheidungen bewusst zurück. Ich möchte nicht zu früh bestimmen, wie das Bild aussehen soll. Das Ungeplante darf Raum einnehmen und Möglichkeiten eröffnen, auf die ich allein durch Planung nicht gekommen wäre.

Doch ein Bild kann nicht unbegrenzt im Zustand des Möglichen bleiben.

Irgendwann braucht es eine Richtung. Dann verändert sich meine Rolle: Ich beginne auszuwählen, zu begrenzen und mich festzulegen.

Welche Spur besitzt Kraft?
Welche Fläche darf offen bleiben?
Wo braucht das Bild eine klare Kante?
Was ist nur interessant – und was ist wirklich wesentlich?

Mit jeder Entscheidung schließe ich andere Möglichkeiten aus. Genau darin liegt für mich die Herausforderung. Denn auch im Leben erscheint es oft verlockend, sich alles offenzuhalten. Doch erst durch die Festlegung entsteht eine erkennbare Richtung.

Im Bild bedeutet das: Einige Bereiche werden gestärkt, andere übermalt. Manche Spuren bleiben sichtbar, andere verschwinden unter neuen Schichten. So entsteht Klarheit nicht durch das Hinzufügen immer weiterer Möglichkeiten, sondern häufig durch Auswahl und Verzicht.

Wenn eine Entscheidung das Bild verändert

Während des Malens gibt es immer wieder Momente, in denen ich zögere. Eine Fläche ist lebendig, aber noch unruhig. Eine Form ist reizvoll, führt das Bild jedoch in eine falsche Richtung. Eine Übermalung könnte Klarheit schaffen – gleichzeitig würde etwas bereits Entstandenes verloren gehen.

Diese Momente sind der Kern meiner Arbeit.

Denn jede wirkliche Festlegung trägt ein Risiko in sich. Ich kann nicht wissen, ob die nächste Entscheidung das Bild stärkt oder ob ich einen Schritt zurückgehen muss. Trotzdem muss ich handeln.

Ich übermale eine Stelle, setze eine Kante, nehme eine Farbe zurück oder entscheide mich für eine stärkere Form. Dadurch verändert sich nicht nur ein einzelner Bereich. Oft ordnet sich das gesamte Bild neu.

Festlegung schafft Begrenzung – aber gerade diese Begrenzung kann neue Freiheit eröffnen.

Meine Techniken und Materialien

Ich arbeite mit hochwertigen Künstlerfarben und langlebigen Materialien. Meine Bilder entstehen in vielen aufeinanderfolgenden Schichten aus verdünnter Farbe, Lasuren, Übermalungen und deckenden Setzungen.

Diese Schichtungen machen den Entscheidungsprozess sichtbar.

Unter den oberen Flächen bleiben frühere Möglichkeiten teilweise erhalten. Sie erscheinen als feine Spuren, Farbränder oder durchscheinende Übergänge. Das Bild trägt seine Entstehungsgeschichte in sich: das Offene, das Verworfene und das bewusst Gewählte.

Dabei treffen unterschiedliche malerische Elemente aufeinander:

Fließende Farbverläufe stehen neben klar gesetzten Kanten. Transparente Bereiche begegnen verdichteten Flächen. Freie Bewegungen werden durch ruhige Formen gehalten.

Diese Gegensätze prägen meine Bildsprache. Die Klarheit entsteht nicht dadurch, dass einer der Pole verschwindet. Sie entsteht durch eine tragfähige Balance zwischen Freiheit und Bindung.

Worauf es mir beim Malen ankommt

Drei Aspekte sind für meine Arbeit besonders wichtig:

Offenheit

Am Anfang gebe ich dem Zufall und dem Ungeplanten Raum. Nicht jede Form muss sofort benannt und nicht jede Richtung sofort festgelegt werden.

Entscheidung

Im weiteren Prozess wähle ich aus. Ich setze Grenzen, stärke bestimmte Bereiche und verabschiede mich von anderen Möglichkeiten.

Verbindlichkeit

Eine Entscheidung muss im Bild getragen werden. Ich prüfe deshalb, ob die gewählte Richtung wirklich stimmig ist oder ob sie nur aus Unsicherheit, Gewohnheit oder dem Wunsch nach einer schnellen Lösung entstanden ist.

Festlegung bedeutet für mich nicht, dass danach keine Veränderung mehr möglich ist. Sie bedeutet, eine Richtung ernst zu nehmen und mit ihr weiterzuarbeiten.

Einblick in meinen Atelieralltag

Wenn ich ins Atelier komme, beginne ich häufig damit, meine Arbeiten zunächst nur anzusehen. Ich gehe durch den Raum, verändere ihre Position und betrachte sie aus unterschiedlichen Entfernungen.

Dabei frage ich mich nicht nur: Was fehlt noch?

Oft ist die wichtigere Frage: Wofür entscheide ich mich?

Soll eine Fläche ruhig bleiben oder weiterbearbeitet werden?
Braucht das Bild mehr Spannung oder mehr Reduktion?
Welche Bewegung führt weiter – und welche lenkt nur ab?

Dann beginnt ein Wechsel aus Handlung und Beobachtung: Farbe ansetzen, gießen, mit großen Pinseln arbeiten, zurücktreten, prüfen und erneut entscheiden.

Trocknungsphasen gehören ebenso zu meiner Arbeit wie das Malen selbst. Sie schaffen Abstand und verhindern, dass ich Entscheidungen aus Ungeduld treffe. Manchmal zeigt sich erst am nächsten Tag, welche Setzung trägt und welche nur ein vorläufiger Versuch war.

Ein großer Teil meiner Arbeit besteht deshalb im Aushalten: nicht vorschnell festlegen – aber auch nicht aus Angst vor einer Entscheidung endlos offenbleiben.

Wie ich meine Bildsprache weiterentwickle

Ich dokumentiere die verschiedenen Phasen meiner Bilder und beobachte, wie sich Farben, Formen und Oberflächen verändern. Dabei interessiert mich besonders, an welchen Stellen eine Entscheidung dem Bild Klarheit gegeben hat – und wo zu viel Kontrolle seine Lebendigkeit eingeschränkt hat.

Auch meine Serien entstehen aus diesem Prozess. Eine Entscheidung in einem Bild führt häufig zu einer neuen Frage im nächsten. Bestimmte Formen, Farbbewegungen oder Begrenzungen werden aufgegriffen, verändert und weitergeführt.

So entwickelt sich meine Bildsprache nicht durch Wiederholung, sondern durch fortlaufende Festlegung: Was gehört zu meiner Arbeit? Was trägt meine Haltung? Was kann ich weglassen?
Festlegung nimmt nicht nur Möglichkeiten. Sie gibt dem Wesentlichen Raum.

Qualität bedeutet für mich deshalb auch Konsequenz. Ein Werk soll nicht nur interessant aussehen, sondern eine klare innere Richtung besitzen.

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